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Kinder entwickeln sich sehr unterschiedlich, das ist bekannt. Diese Tatsache macht es Eltern leider oft schwer zu erkennen, ob in der Entwicklung ihres Kindes alles so läuft, wie es sollte. Mein Mann und ich haben diese Erfahrung schon bei unserem ersten Kind gemacht. Als unser Sohn ins Krabbelalter kam, warteten wir vergebens darauf, dass er sich auf allen vieren vorwärts bewegte – der kleine Kerl konnte nur auf dem Bauch robben. Damals dachten wir noch: „Spielt keine Rolle, Hauptsache, er kommt voran.“ Doch später, als unser Kleiner laufen konnte, wunderten wir uns über weitere Dinge: Der Knirps ließ sich weder dazu bewegen, barfuß übers Gras zu laufen noch mit Sand und Wasser zu matschen. Im Lauf der Zeit konnte er auch Zärtlichkeiten immer weniger zulassen; mitunter wehrte er sich sogar vehement dagegen, gestreichelt und in den Arm genommen zu werden. Irgendetwas schien unseren Sohn zunehmend daran zu hindern, sich zufrieden und in seiner Haut wohl zu fühlen. Mit der Zeit machte sich das auch an seinem Verhalten bemerkbar: Er war reizbar, leicht zu irritieren und gebärdete sich mitunter recht jähzornig. Jahrelang blieben uns diese und viele andere Beobachtungen ein Rätsel. Bis eines Tages eine aufmerksame Erzieherin die Lösung entdeckte: „Das Kind hat Wahrnehmungsstörungen.“ Was ist Wahrnehmung? Um den Begriff „Wahrnehmungsstörungen“ richtig einordnen zu können, gilt es erst einmal zu klären, was man unter dem Begriff „Wahrnehmung“ versteht: Wahrnehmung ist die Aufnahme von Reizen durch die Sinnesorgane und ihre Verarbeitung im Gehirn. Die sieben Sinne (Sinnesorgane) sind: - der Sehsinn (Augen)
- der Gehörsinn (Ohren)
- der Geruchssinn (Nase)
- der Geschmackssinn (Zunge)
- der Haut- oder Tastsinn (Haut)
- der Muskel- und Stellungssinn
- der Gleichgewichtssinn
Schon bei neugeborenen Babys sind alle diese Sinne mehr oder weniger gut ausgebildet, sie müssen sich aber im Lauf der ersten Lebensjahre noch weiter entwickeln. Nicht nur das, sie müssen auch lernen, optimal zusammenzuarbeiten, um verschiedene Sinneseindrücke immer besser zu einem „sinn-vollen“ Ganzen zu verknüpfen. Nur so kann sich ein Kind gesund entwickeln und wesentliche Fähigkeiten entfalten: vom Denken, Lernen, Sprechen und Verhalten bis hin zur Körpergeschicklichkeit und koordinierten Bewegung. Woran man Wahrnehmungsstörungen erkennt Von Wahrnehmungsstörungen sind rund 15 Prozent aller Kinder betroffen. Bei den meisten dauert es allerdings Jahre, bis ihr Problem richtig erkannt wird, da sich Wahrnehmungsstörungen auf höchst unterschiedliche Weise äußern können: Das eine Kind ist launisch und reizbar, das andere ungeschickt in praktischen Alltagsanforderungen, das dritte berührungsempfindlich und unnahbar, das vierte unkonzentriert und zappelig. Dabei kommt es vor allem darauf an, welche Bereiche der Wahrnehmung im Einzelnen beeinträchtigt sind. Hier einige Beispiele: - Bei einer Störung der Hörwahrnehmung hat das Kind Schwierigkeiten, Gehörtes richtig zu verarbeiten und angemessen darauf zu reagieren.
- Bei motorischen Störungen stellt sich das Kind oft ungeschickt an und hat Probleme mit vielen Alltagsanforderung, zum Beispiel seine Kleidung zuzuknöpfen oder sich die Schuhe zu binden.
- Wenn das Kind als Baby nicht gekrabbelt ist, hat es später Schwierigkeiten mit Überkreuzungsbewegungen. Das wirkt sich unter anderem nachteilig auf das Schreibenlernen in der Schule aus: Viele Buchstaben der Schreibschrift haben eine „Schleife“ (zum Beispiel das „e“ oder das „l“) und erfordern damit eine Überkreuzungsbewegung, die dem betroffenen Kind große Mühe bereitet.
- Wenn die Wahrnehmung der Haut gestört ist, reagiert das Kind meistens sehr berührungsempfindlich. Weiche, fließende Materialien wie Sand und Wasser sind ihm ebenso unangenehm wie Barfußlaufen über eine Wiese.
- Eine Störung des Muskeltonus (das ist die Grundspannung der Muskulatur, die durch den Muskel- und Stellungssinn beeinflusst wird) bewirkt, dass das Kind Schwierigkeiten bei der Kraftdosierung hat. Das wirkt sich zum Beispiel auf die Stifthaltung beim Schreiben und Malen aus.
- Bei einer Störung des Gleichgewichtssinns und der räumlichen Orientierung (Sehwahrnehmung) stößt sich das Kind auffallend oft an oder fällt ständig hin.
- Nicht zuletzt gehen Wahrnehmungsstörungen sehr oft mit Konzentrationsschwierigkeiten und Verhaltensauffälligkeiten einher.
Förderung beginnt im Alltag Bei Verdacht auf Wahrnehmungsstörungen sollten Eltern ihr Kind unbedingt ärztlich untersuchen lassen. Am besten wenden sie sich dazu an ihren Kinderarzt oder einen Neurologen, der ihnen die ärztliche Verordnung für eine gegebenenfalls anstehende Therapie ausstellen kann (zum Beispiel Ergotherapie oder Krankengymnastik). Eltern können aber auch sehr viel selber tun, um die Wahrnehmung ihres Kindes gezielt zu fördern und seine gesunde Entwicklung zu unterstützen. Zum Beispiel durch Mitarbeit im ganz normalen Alltag: Anstatt dem Nachwuchs jeden Handgriff abzunehmen und für die Hausarbeit nur Maschinen und Geräte einzusetzen, sollten die Eltern ihr Kind bewusst zu kleinen Tätigkeiten heranziehen: Den Tisch decken, einen Teig anrühren, den Fußboden kehren – das sind Aufgaben, bei denen schon die Kleinsten mithelfen können und mit denen sie ihre Wahrnehmung und Geschicklichkeit in vielfältiger Weise trainieren. Besonders viel Spaß versprechen kreative Förderspiele, die alle Sinne anregen und nicht nur kleine, sondern auch größere Kinder zum Mitmachen motivieren. Hier einige Beispiele: - Kalt, wärmer, heiß: Aufmerksam zuhören und genau hinsehen sind die beiden Voraussetzungen, um bei diesem Spiel Erfolg zu haben. Das Kind wird aus dem Zimmer geschickt und die Mutter oder der Vater versteckt einen Gegenstand im Raum, zum Beispiel ein Spielzeugauto. Wenn das Kind hereinkommt, fängt es an zu suchen. Ist es noch weit vom Versteck entfernt, sagt der Erwachsene „kalt“, dreht es sich in die Richtung des Verstecks, sagt er „lauwarm“, und je näher das Kind kommt, desto öfter wiederholt der Erwachsene den Hinweis „wärmer“. Ist das Kind ganz nah am Versteck, ruft der Erwachsene „heiß“ – und gleich ist der Gegenstand gefunden! Dieses Spiel trainiert die Hör- und Sehwahrnehmung gleichermaßen.
- Was hast du in der Hand? Das Kind lässt sich die Augen verbinden, der Erwachsene wählt einen Gegenstand aus und legt ihn dem Kind in die Hand – zum Beispiel einen Kamm, einen Stein, ein Stück Obst oder Gemüse, einen Schwamm oder ein Wattebällchen. Das Kind soll am Anfang die Hand nicht bewegen, sondern versuchen, den dort ruhenden Gegenstand so zu erraten. Wenn ihm das nicht gelingt, tastet es das Objekt mit der Fühlhand ab und nimmt notfalls noch die andere Hand zu Hilfe. Dieses Spiel fördert den Tastsinn.
- Ri-ra-rutsch: Der Erwachsene breitet eine Decke auf dem Boden aus und lässt das Kind darauf Platz nehmen. Anschließend fasst er die Decke an einem Ende und beginnt, das Kind kreuz und quer durch den Raum zu ziehen. Die Bewegungen sollten gleichmäßig, nicht ruckartig sein, damit der kleine Passagier nicht das Gleichgewicht verliert. Anstatt zu sitzen kann das Kind auch auf dem Bauch oder Rücken liegen. Diese Übung spricht vor allem den Tastsinn, den Gleichgewichtssinn und die räumliche Wahrnehmung an.
Diese und viele weitere Anregungen, Übungen und Spiele, aber auch detaillierte Hinweise auf professionelle Therapie- und Fördermöglichkeiten für Kinder mit Wahrnehmungsstörungen enthält der Elternratgeber: Rita Steininger Kinder lernen mit allen Sinnen Wahrnehmung im Alltag fördern Klett-Cotta, 2005
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