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Willkommen, mein Schatz! Babyalbum.

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Wege aus der Angst

„Nur das Lachen eines Kindes
Ist die Zukunft, hell und klar
Ist die Antwort auf die Frage:
Willst Du leben?
Bitte, ja!“

Michelle


Am 4. Dezember 1926 kommt in Kopenhagen ein kleiner Junge zur Welt. Seine gerade 19jährige Mutter hat ihre Eltern verlassen, um ihnen die Schande einer unehelichen Geburt zu ersparen. Sie entbindet heimlich und gibt ihren Sohn Lars in eine Pflegefamilie.

Doch die Trennung von ihrem Kind geht der jungen Frau sehr nahe und verfolgt sie bis ans Ende ihres Lebens im Jahre 2002.

Über die kurze gemeinsame Zeit, die ihr nach der Geburt bleibt, schreibt sie:

„Mein Sohn liegt in meinem Arm. Er ist eine so zarte kleine Last, man spürt sie fast gar nicht. Und doch wiegt sie schwerer als Erde und Himmel und Sterne und das ganze Sonnensystem. Wenn ich heute sterben müsste, so könnte ich die Erinnerung an diese holde kleine Last mit mir ins Paradies nehmen.

Ich habe nicht vergebens gelebt …

In diesem Augenblick bist du ganz mein. Aber bald wirst du anfangen zu wachsen. Jeder Tag, der vergeht, wird dich ein kleines Stück weiter von mir wegführen. Nie mehr wirst du mir so nahe sein wie jetzt. Vielleicht werde ich eines Tages mit Schmerz an diese Stunde denken …“

Vier Jahre lebt Lars bei Pflegeeltern. Seine Mutter heiratet schließlich einen Mann, der den Jungen akzeptiert und holt ihren Sohn zu sich zurück …

Die Realität ist weniger romantisch.

 

Auch heute gibt es Schwangere und Mütter, die ihr Kind nicht behalten können oder wollen, die aber dennoch nach einem Weg suchen, ihr Baby in sichere und liebevolle Obhut zu geben – so wie die Mama des kleinen Lars, deren liebevolle Zeilen wohl niemanden kalt lassen, in dessen Brust ein mitfühlendes Herz schlägt.

Und genau wie die Mutter des kleinen Lars schämen sich manche dieser Frauen so sehr, dass sie sich nicht trauen, persönlich Hilfe zu suchen.

Sie haben Angst, erkannt zu werden, weil sie ungewollt schwanger wurden und sich schuldig fühlen, weil sie vergewaltigt wurden oder mit Gewalt bedroht werden und niemand von der Schwangerschaft oder dem Baby wissen darf.

Sie haben Angst vor den Eltern, dem Partner, der Kinder ablehnt, oder dem Verlust des Arbeits- oder Ausbildungsplatzes. Sie fürchten, als Rabenmütter geächtet zu werden oder sich immer wieder rechtfertigen und erklären zu müssen, wenn sie ihr Kind nicht behalten. Da ist das Mädchen, das ein Kind erwartet und selbst noch ein Kind ist, die Frau, die fürchtet, von der Familie verstoßen zu werden, wenn sie von dem Baby erfährt.

Fast alle diese Frauen stehen allein vor einer großen und wichtigen Aufgabe, für deren Bewältigung die Natur zwei Menschen vorgesehen hat, nämlich Mutter und Vater, kurz: eine Familie!

Seit 1999 kümmert sich das Projekt „Findelbaby“ des gemeinnützigen Hamburger Vereins „Sternipark e. V.“ um Hilfe für schwangere Mädchen und Frauen sowie Mütter mit Neugeborenen in Not, betreut sie liebevoll vor, während und nach der Geburt und betreibt mehrere Babyklappen. Aus einer ursprünglich lokalen Initiative wurde durch den  bundesweit erreichbaren kostenfreien Notruf

0800 456 0 789

ein Projekt, das in ganz Deutschland schnell, unbürokratisch und anonym hilft, wenn andere längst Feierabend haben.

Meist melden sich Mädchen und Frauen, die ihre Schwangerschaft lange verheimlicht haben und sich in einer akuten Konfliktsituation befinden. Nicht selten muss alles sehr schnell gehen, weil die Geburt unmittelbar bevorsteht oder das Baby schon da ist und die Mutter nicht weiß, wie es nun weitergehen soll.

 

Die garantierte Anonymität und die ständige Erreichbarkeit der Helfer sind eine wichtige Voraussetzung dafür, dass diese Schwangeren und Mütter überhaupt Vertrauen entwickeln, Hilfe suchen und annehmen.

Warum verheimlichen oder verdrängen Frauen ihre Schwangerschaft? Warum werden Kinder ausgesetzt? Warum geraten Frauen nach verheimlichter Schwangerschaft derart in Panik, dass sie ihr Kind töten und warum sind wir so blind für die Nöte dieser Frauen?

 

Verhüten, Abtreiben, Veradoptieren?

Verhüten, abtreiben, zur Adoption freigeben, zu Amtsdeutsch: „Veradoptieren“ – das ist der übliche Umgang mit ungewolltem Nachwuchs 2008 in Deutschland.

Das raten Eltern, Angehörige und Freunde der jungen Frau, die zur „Unzeit“ schwanger wird. Das nennen sie modern und zeitgemäß.

Da ist kein Platz für Gefühle, keine Zeit für die Mutter, zur Ruhe zu kommen, ohne Stress und Druck zu sich selbst und vielleicht doch noch zum Kind zu finden.
Eine Entscheidung für oder gegen ein gemeinsames Leben mit dem Baby braucht aber gerade nach verheimlichter Schwangerschaft viel Zeit. Die Mutter muss all das nachholen, was andere Frauen bereits während der Schwangerschaft für sich, das Baby und die Familie überdenken konnten. 

Stattdessen Ratgeber allerorten, die zu wissen meinen, was „das Beste“ für Mutter und Kind ist. Die Gefühle der Betroffenen spielen keine Rolle in den Paragraphen, die Abtreibung und Adoption glasklar regeln. Schnell und reibungslos muss alles gehen.

Wer redet heute noch vom „Wochenbett“?

Dabei ist gerade diese Zeit dafür gedacht, dass sich die Mutter körperlich erholen und seelisch auf das Baby einstellen kann. Und sie berücksichtigt die grundlegenden und dramatischen hormonellen Veränderungen, denen die Frau in dieser Zeit ausgesetzt ist und die erheblichen Einfluss auf ihr Verhalten haben können. Hebammen wissen das und sie beklagen zu Recht die oft viel zu kurze Verweildauer und mangelnde menschliche Betreuung der jungen Mütter in den Kliniken.

Ist die Schwangere minderjährig, dann setzen sich nicht selten auch Eltern einfach über den Willen und die Meinung ihrer Tochter hinweg – oder „überzeugen“ sie eines „Besseren“ …

 

„Nein, meinen Paul, den gebe ich nie wieder her!“

So ist es bei Susanne, der behinderten 22jährigen, die ihre Schwangerschaft über die 12-Wochengrenze hinaus verheimlicht, weil sie ihr Baby unbedingt behalten möchte. Ihr ist klar, dass die Eltern auf einer Abtreibung bestehen würden. Susanne ist behindert, aber nicht dumm. Sie hat den Hauptschulabschluss und die Ausbildung als Schwesternhelferin geschafft. Sie ist erwachsen und kann für sich selbst entscheiden. Die Eltern sehen das anders.

Nachdem Susanne mit dem inzwischen deutlich sichtbaren Babybauch das Haus zeitweise nicht verlassen darf, (wegen der Nachbarn) soll sie schließlich auf Wunsch ihrer Eltern anonym entbinden, damit das Kind später nicht erfährt, dass seine Mutter behindert ist.

Doch Susanne, die nie gefragt wird und der niemand etwas zutraut, widerspricht! Heimlich ruft sie den Notruf an, kämpft um ihr Kind!

Sie entbindet einen kerngesunden Jungen, ein Baby, das es nach dem Willen seiner Großeltern gar nicht geben dürfte.

Susanne hat ihrem Sohn das Leben gerettet und sie hat gelernt, sich durchzusetzen. Sie hat sich erfolgreich dagegen gewehrt, dass andere über ihr Kind bestimmen! 

Der Entschluss, ein Kind wegzugeben, ist immer brutal – für Kind und Mutter. Es geht nicht darum, dass die vielen kinderlosen Paare in Deutschland möglichst schnell ein Baby adoptieren können. Es geht zuerst um das Kind und seine leibliche Mutter. Kinder gehören zu ihren leiblichen Eltern, es sei denn, Vater oder Mutter gefährden Leben oder Gesundheit der Kinder. So sieht es der ehemalige Präsident des Bundesverfassungsgerichtes Ernst Benda. So sagt es der gesunde Menschenverstand.

Ein Baby erkennt die Frau, deren Herzschlag und deren Stimme es 9 Monate lang gehört hat, deren Geruch es kennt und bei der es geborgen war. Diese Tatsache ist wissenschaftlich erwiesen. Eingang in die Rechtsentwicklung hat sie bisher nicht bzw. bei Weitem nicht zur Genüge gefunden.

 


Kerstin

Kerstin hat bereits vier Kinder. Das vierte war nicht geplant und ihr Mann ist alles andere als begeistert, als er von der Schwangerschaft erfährt. Es kommt zu Spannungen in der Ehe. Für ein weiteres Kind ist die Wohnung viel zu klein. Trotzdem bringt Kerstin das Kind zur Welt.

Die Familie lässt sich auf das Wagnis ein, sich ein eigenes Heim zu schaffen, damit die Kinder genug Platz haben. Doch die Kosten für den Neubau steigen ins Unermessliche – trotz umfangreicher Eigenleistungen. Es gibt Ärger mit den Baufirmen und ausgerechnet jetzt wird Kerstin trotz Verhütung erneut schwanger.

Sie rackert weiter, muss am Bau bis in die Nacht hinein schuften,  um die Kosten niedrig zu halten, muss sich um die Hausarbeit und die vier Kinder kümmern. Ihr Mann arbeitet im Ausland, ist nur am Wochenende zu Hause, kommt mit der Masse der Probleme nicht klar und reagiert häufig ungehalten. Sie schafft es nicht, ihm die Schwangerschaft zu offenbaren. Zu groß ist die Angst vor ihm. Einfach „gehen“ kann sie nicht. Da sind die Kinder, das Haus.

Verdrängen, verheimlichen, wachsende Angst. Am Ende versteckt sich Kerstin regelrecht vor ihrem Mann.
Sie ist inzwischen so verzweifelt, dass sie sich überlegt, wie sie das Kind heimlich zur Welt bringen und anschließend, so Kerstin wörtlich, „beseitigen“ kann.

Doch dann erinnert sie sich daran, schon einmal etwas von einer Babyklappe und einem Verein namens „Sternipark“ gehört zu haben.

Sekunden später hat Google die Homepage von „Sternipark e. V.“ gefunden:

„Vielleicht haben Sie unsere Homepage aufgerufen, weil Sie schwanger sind, niemand davon wissen soll und Sie dabei jetzt Hilfe benötigen. Das Projekt Findelbaby steht kostenlos, bundesweit 24 Stunden am Tag über die Telefonnummer 0800 456 0 789 zur Verfügung.“

Ein paar Zeilen nur, doch die Hoffnung, die Kerstin in sie setzt, ist riesengroß! 

Kerstin schreibt eine Mail; die Antwort kommt prompt:

„Wir helfen Dir!“


Die Absenderin, Leila Moysich, Leiterin des Hamburger Projektes „Findelbaby“, hatte sich um 23:45 Uhr die Mühe gemacht, zu antworten.

Es wird knapp. Kerstin ist im 9. Monat. Die Wehen setzen ein. Die Frauen von „Findelbaby“ tun, was nötig ist, helfen ohne viele Worte und Fragen. Kurze Zeit später steigt Kerstin in ein Taxi, das sie in ein Krankenhaus bringt, wo sie bereits erwartet wird. Kaum angekommen platzt die Fruchtblase. Kerstin entbindet anonym, während Leila sie unterstützt, ihr Zuspruch gibt und die Hand hält.

Kerstin schenkt einem Jungen das Leben, gibt ihn in eine Pflegefamilie und fährt zurück zu ihrem Mann, der so mit sich selbst beschäftigt ist, dass er weder die Schwangerschaft noch die Geburt bemerkt.

Zu sehr ist Kerstin Mutter. Sie erträgt es nicht, ohne ihr Kind zu sein. Sie hält Kontakt zur Pflegefamilie, in der ihr Sohn nun lebt, offenbart sich ihren Kindern und dem Ehemann. Der sieht nur die zusätzlichen Belastungen und redet Kerstin ein, sie sei verantwortungslos. Die Ehe, die schon längst keine mehr ist, geht kaputt.

Kerstin holt ihren Sohn zu sich zurück, genau wie die Mutter des kleinen Lars!

Aber Kerstin lebt heute – und sie lebt allein mit 5 (!) Kindern und engagiert sich für Mädchen und Frauen in ähnlich prekärer Lage, auch für Frauen, deren Babys niemand mehr helfen kann.

Kerstin ist dankbar, rechtzeitig Hilfe gefunden zu haben - und sie hat Verständnis für Frauen, die dieses Glück nicht hatten …

 

Schwangerschaft – Segen oder Last?

Da macht ein Arbeitgeber die Einstellung einer jungen Frau von einem negativen Schwangerschaftstest abhängig. Da berät eine große Krankenkasse Arbeitgeber, wie man Schwangere „juristisch sauber“ am schnellsten los wird. Da wird der schwangeren Auszubildenden von ihrem Arbeitgeber, einem Arzt (!) nahegelegt, von sich aus zu kündigen, weil sie sonst mit einem unerträglichen Betriebsklima rechnen müsse.

Das ist nur die Spitze eines Eisberges aus knallharten persönlichen Nachteilen und emotionaler Kälte, dem sich Schwangere nicht selten gegenübersehen. Solange das so ist, so lange muss es Menschen geben, die ihnen eine helfende Hand reichen – zu jeder Zeit und an jedem Ort, wenn nötig mitten in der Nacht auf einem Bahnhof oder im Kreißsaal.

 

Sternipark e. V. Hamburg
Einige Zahlen

Seit 2000 hat das Projekt „Findelbaby“ in Hamburg die Mütter von über 300 Kindern betreut. 36 Kinder wurden seit dem Jahr 2000 in den beiden Hamburger Babyklappen abgegeben; in der seit September 2007 bestehenden Babyklappe in Satrupholm nahe Flensburg bisher noch keines.

28 Geburten wurden allein 2008 durch das Projekt Findelbaby begleitet. 13 Mütter haben sich dafür entschieden, ihre Kinder wieder zu sich zu nehmen. 12 Kinder leben bei Adoptiveltern, 3 Mütter überlegen noch, wie ihr Leben weiter gehen soll. Zwei Mütter haben sich erst an das Projekt Findelbaby gewandt, nach dem sie bei gefährlichen Hausgeburten ihre Kinder auf die Welt gebracht haben.

Etwa 60 % der Kinder wurden von der Mutter schließlich doch noch angenommen, die anderen wurden von liebevollen Eltern adoptiert. Ein Junge fand wegen schwerster Behinderungen keine Adoptiveltern und lebt heute noch in einer Einrichtung von Sternipark e. V.

Was wäre aus all diesen Frauen und Kindern geworden, gäbe es die Möglichkeiten der anonymen Geburt, der Babyklappe und der anonymen Übergabe nicht?

 

Das „Moses-Projekt“
von DONUM VITAE in Bayern e. V.

Inzwischen gibt es ähnliche Projekte in zahlreichen deutschen Städten, die in der Regel ebenfalls über kostenfreie oder kostengünstige Notrufnummern verfügen, die ständig erreichbar sind.

Das „Moses-Projekt“ von DONUM VITAE in Bayern e. V. setzt etwas andere Schwerpunkte, verzichtet auf Babyklappen und setzt neben anonymer Beratung und anonymer Geburt verstärkt auf die Möglichkeit der anonymen Übergabe eines bereits geborenen Kindes an eine Mitarbeiterin des Projektes. Alle diese Möglichkeiten gewährleisten, dass die Mutter auf jeden Fall unerkannt und damit geschützt bleibt.

 

Anonyme Geburt –
Leben und Gesundheit für Mutter und Kind

Vor allem die anonyme Geburt gewährleistet eine adäquate medizinische Versorgung von Kind und Mutter und beinhaltet zudem die Möglichkeit, der Frau anonyme Beratung und Hilfe bei der Lösung ihrer Probleme anzubieten.
Ferner kann sie dem Recht des Kindes auf Kenntnis seiner Herkunft besser entsprechen. Die Mutter hat die Möglichkeit, dem Kind auch später noch Informationen zukommen zu lassen, ohne dass Dritte davon Kenntnis erlangen.

Da es sich bei den Ansprechpartnern von DONUM VITAE um staatlich anerkannte Beratungsstellen handelt, steht den Mitarbeiterinnen ein Zeugnisverweigerungsrecht zu. Gleichzeitig unterliegen sie der Schweigepflicht gegenüber jedermann. Ziel ist es, mit der Frau gemeinsam jeweils ganz individuelle, auf die jeweilige Notlage der Frau zugeschnittene Problemlösungen zu finden. Dazu nehmen sich die Mitarbeiterinnen sehr viel Zeit und bringen ein hohes Maß an Einfühlungsvermögen mit.

Ein wesentliches Ziel des Moses-Projektes ist die Weckung und allgemeine Verbreitung von Verständnis, Solidarität und Hilfsbereitschaft gegenüber Müttern, die sich für eine Weggabe ihres Kindes entscheiden.

Eine Frau, die es auf sich nimmt, ein (meist nicht nur von ihr) ungewolltes Kind auszutragen, zur Welt zu bringen und es in sichere Obhut zu geben, verdient Respekt – und nicht Verachtung!

 

Anonyme Übergabe – persönlich, menschlich, sicher!

Zunehmend im Gespräch ist in letzter Zeit die Möglichkeit der anonymen Übergabe eines Kindes in sichere Obhut. Sowohl Sternipark e. V. in Hamburg als auch das Moses-Projekt bieten diese Möglichkeit an.

Hierzu vereinbaren die Mutter und eine Mitarbeiterin des Projektes einen Treffpunkt, an dem die Übergabe persönlich erfolgt. Vorteil gegenüber der Babylappe ist dabei, dass zumindest ein kurzer persönlicher Kontakt mit der Kindesmutter möglich ist und einige Informationen ausgetauscht werden können, ohne dass die Frau dabei ihre Anonymität aufgeben muss. Als vorteilhaft erweist sich diese Möglichkeit auch im Hinblick darauf, dass Babyklappen nicht flächendeckend vorhanden oder nach der Geburt für die erschöpfte Frau nicht erreichbar sind.

Ein Nachteil dürfte die deutlich höhere Hemmschwelle für die abgebende Mutter sein.

Eine anonyme Übergabe kann zu jeder Zeit an jedem Ort, notfalls auch in der Wohnung der Mutter erfolgen, wobei der Mutter anonyme medizinische Hilfe oder eine anonyme ärztliche Untersuchung angeboten wird.

 

Projekt „Findelbaby“
bei KALEB Dresden e. V.

9 Kinder sind seit 2001 in Dresden anonym geboren worden (Stand 3/2009). Der gemeinnützige Verein KALEB Dresden e. V. (Kooperative Arbeit Leben Ehrfürchtig Bewahren) betreibt u. a. eine Babyklappe nach Hamburger Vorbild. 

 

Babyklappe – letzter Ausweg

Die Babyklappe ist eine allerletzte Möglichkeit für Mütter in Not, die ihr Kind heimlich zu Hause zur Welt gebracht haben.

Das Ablegen eines Kindes in einer Babyklappe gilt als Übergabe in sichere Obhut und ist daher straffrei.

Trotz Kritik an dieser Einrichtung führt KALEB Dresden aus eigener Erfahrung gewichtige Gründe für deren Beibehaltung an – und trifft damit einen wunden Punkt unserer gesamten Gesellschaft und Lebensweise.

Während Kritiker an Hand von Statistiken und juristischen Studien Daseinsberechtigung und Legalität der inzwischen 96 Babyklappen in Deutschland in Zweifel ziehen und darauf verweisen, dass sich die betroffenen Frauen unerkannt ihrer Verantwortung entzögen, zeigt KALEB, dass Ignoranz, fehlende Solidarität und die daraus resultierende Isolation vieler schwangerer Frauen überhaupt erst die Ursache für die Idee der Babyklappen sind. Nicht die Frauen entziehen sich unerkannt ihrer Verantwortung! Unsere gesamte Gesellschaft hat sich in erschreckendem Maße aus der Verantwortung für den Nächsten verabschiedet, ist inzwischen emotional dermaßen erkaltet, dass man lieber wegschaut, anstatt Hilfe anzubieten.

„Wir wünschen uns, dass Eltern ein Umfeld erleben, das ihnen Mut macht, diese Herausforderung anzunehmen – Menschen, die sie beglückwünschen, die bereit sind zu unterstützen und Freude am Elternsein vermitteln.“

Genau daran fehlt es – und das ist ganz bestimmt nicht die Schuld der Frauen, die in der Babyklappe den letzten Ausweg suchen!

Die Funktionsweise einer Babyklappe ist einfach. Sie wird per Hand geöffnet. Dahinter befindet sich ein Wärmebettchen, in das die Mutter ihr Baby ablegt.


In der Babyklappe befindet sich u.a. ein Brief an die Mutter, der wichtige Informationen enthält. Sie findet darin die kostenfreie Notrufnummer, unter der die Frau ihr Kind innerhalb der nächsten acht Wochen zurückholen oder anonym Kontakt zum Projekt „Findelbaby“ aufnehmen kann.

Der Notruf kann auch hilfreich sein, wenn die Mutter nach der allein durchgestandenen Geburt ärztliche Hilfe benötigt, sich aber nicht in ein Krankenhaus oder zum Arzt traut oder z. B. nicht krankenversichert ist. Ferner besteht die Möglichkeit, dem Kind für sein späteres Leben Nachrichten zu hinterlassen. In den Hamburger Babyklappen befindet sich ein Stempelkissen, womit die Mutter einen Fußabdruck des Kindes anfertigen und sich später damit zu erkennen geben kann, wenn sie das möchte.

Die Babyklappe kann nur einmal geöffnet werden. Die Mutter hat nun einige Minuten Zeit, das Baby abzulegen und sich unerkannt zu entfernen.

Das Innere der Babyklappe wird zur Sicherheit des Kindes permanent videoüberwacht, keinesfalls aber der Bereich vor der Babyklappe.

Die Frau bleibt in jedem Falle unerkannt. Mit evtl. Fragen kann sie sich jederzeit anonym per Notruf melden.

KALEB e. V. bietet aber nicht nur den 24-Stundennotruf, die anonyme Beratung, anonyme Geburt und Babyklappe für Schwangere in Not, sonder zudem eine Kleiderkammer für junge Mütter und Familien in wirtschaftlichen Notlagen und eine Krisenwohnung, um vor und nach der Geburt Ruhe und Erholung zu finden. Ergänzend gibt es Gesprächsangebote und Selbsthilfegruppen für Mädchen und Frauen im Schwangerschaftskonflikt, Mütter nach Tot- oder Fehlgeburt sowie für Frauen mit vor allem seelischen Problemen nach einer Abtreibung.

 

Gefährliche Hausgeburten

Geburten, bei denen das Neugeborene später in einer Babyklappe abgelegt oder anonym übergeben wird, finden oftmals in der Badewanne oder auf der Toilette statt.

So auf die Welt zu kommen ist entwürdigend für das Kind; so zu gebären ist erniedrigend für die Mutter und es bedeutet ein erhebliches Risiko für Leben und Gesundheit des Kindes und der Gebärenden.

Auch hier zeigt sich wieder, wie wichtig es ist, dass anonyme Hilfe rund um die Uhr erreichbar ist, weil nicht jede Frau nach einer Geburt die Kraft hat, eine Babyklappe oder einen anderen sicheren Ort für ihr Kind aufzusuchen.

Anonyme, niederschwellige Hilfe wird jedoch erfahrungsgemäß selbst in dieser Extremsituation gesucht.

Das bestätigen sowohl Mütter, die gerade noch rechtzeitig genau diese Hilfe gefunden haben, als auch Frauen, die sich vor Gericht für den Tod ihres Kindes verantworten mussten und heute aktiv und ehrlich versuchen, das Geschehene aufzuarbeiten, ja sogar helfen wollen, andere Frauen vor diesem Schicksal zu bewahren. 

 

Kritik und Konsensfindung

Kritiker von anonymer Geburt und Babyklappe, die sich erst jüngst anlässlich einer Anhörung vor dem Deutschen Ethikrat artikulierten, führen als Argumente gegen diese beiden Instrumente vor allem an, dass die betroffenen Frauen auf Grund ihre psychogynäkologischen Situation solche Hilfsangebote gar nicht wahrnehmen könnten, dass die über Babyklappen „entsorgten“ oder anonym geborenen Kinder des Grundrechtes auf Kenntnis ihrer Herkunft beraubt würden und nicht zuletzt, dass beide Instrumente erst zu sorglosem Umgang mit der Verantwortung für das eigene Kind animieren würden.

Dem steht entgegen, dass es nachweislich immer wieder Frauen gibt, die entgegen der Kritik erreicht werden.

Zudem muss jedem klar sein, dass das Recht auf Kenntnis seiner Herkunft nur derjenige wahrnehmen kann, der lebt, und schließlich muss bei der Betrachtung der Rechte des Kindes auch immer eine Abwägung mit den Rechten der Mutter erfolgen. Beide – Mutter und Kind – sind einmalig, wertvoll und schutzbedürftig.

„Jede Mutter hat Anspruch auf den Schutz und die Fürsorge der Gemeinschaft“

(Grundgesetz, Artikel 6 Absatz 4).

Jede Mutter …!

Das Wesentliche, das der bisherigen Diskussion pro und contra anonyme Geburt und Babyklappe fehlt, ist die beiderseitige Konsensbereitschaft im Interesse von Kind und Mutter.

Wer einseitig Hilfsangebote kritisiert, ohne den betroffenen Frauen und Kindern etwas Besseres anbieten zu können, handelt nicht zielführend und kriminalisiert zudem (möglicherweise ungewollt) diejenigen, die sich ohnehin schon in einer akuten Notlage befinden und solche Angebote annehmen. Dieser Zustand und nicht zuletzt auch das verbale Niveau, auf dem diese Diskussion mitunter geführt wird (ZITATE: „Verklappung“, „Entsorgung“ von Kindern u. ä.) sind unerträglich und einer Gesellschaft, die sich auf christliche Grundwerte beruft, unwürdig.

Für Mädchen und Frauen, die in extremen Notlagen derartige Hilfsangebote, wie anonyme Geburt und Babyklappe wählen, muss klar sein, dass sie straffrei handeln. Das schließt nicht aus, dass andere niederschwellige Hilfsangebote sich künftig als besser, menschlicher, wirkungsvoller erweisen.

 

Lars‘ Mama – eine Rabenmutter?

Vor vielen Jahren schrieb die Mutter des kleinen Lars ihrem Sohn diese Zeilen:

„Ich könnte mein Herzblut für dich geben, aber ich kann nicht eine einzige von den Sorgen wegnehmen, die dich erwarten. Und doch sage ich dir, mein liebes Kind:

Die Erde ist die Heimat der Menschen, und sie ist eine wunderbare Heimat. Möge das Leben nie so hart gegen dich sein, dass du es nicht verstehst.

Gott schütze dich, mein Sohn!“

Kein Mensch käme jemals auf die Idee, die Mutter des kleinen Lars als „Rabenmutter“ zu bezeichnen, weil sie aus Scham und Verzweiflung ihr Kind weggegeben hat. Als sie am 28. Januar 2002 stirbt, hat diese Frau wahrscheinlich Millionen von Kindern auf der ganzen Welt glücklich gemacht. Kindergärten und Schulen sind nach ihr benannt.

Ihr Name: Astrid Lindgren.

© by Mario Lichtenheldt

 

 

Adressen und Infos: Anonyme Hilfe für schwangere Mädchen und Frauensowie Mütter mit Neugeborenen in Not >>

 

 

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