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Nichts als Luft - Wenn Kinder und Jugendliche das Essen verweigern …

Am Anfang wollte Jenny* nur etwas abnehmen. Schon als Kind hatte sie ein paar Kilos zu viel auf den Rippen und fühlte sich nicht ganz wohl in ihrer Haut. Verstärkt wurde dieses Unwohlsein, als ihr Körper sich veränderte und sie irgendwann auch recht früh ihre Regel bekam. Mit zwölf Jahren probierte Jenny dann eine Diät aus – mit Erfolg.

 

Bloß nichts essen ...

„Als die ersten fünf Kilos runter waren, fühlte sich das richtig toll an“, erinnert sich die heute 22-Jährige. „Ich bekam viele Komplimente und war mächtig stolz, das geschafft zu haben. Und dann wollte ich mehr …“ Jenny beschäftigte sich in dieser Zeit unglaublich viel mit dem Essen und es gelang ihr, sich mehr und mehr selbst du disziplinieren und irgendwann ganz auf fettige und kalorienreiche Lebensmittel zu verzichten. Zudem fing sie an, in jeder freien Minute Sport zu treiben. „Irgendwann war ich wie im Rausch“, erzählt Jenny, „meine ganzen Gedanken drehten sich ums Essen bzw. Nichtessen. Ich beobachtete ständig meine Klassenkameraden und konnte genau sehen, wie viele Kalorien die gerade zu sich nahmen. Riesenmengen. Das ekelte mich zwischendurch richtig an. Allein der Gedanke, einen Schokoriegel zu verzehren und davon zuzunehmen war mir ein Graus! Daher wurden meine eigenen Rationen immer kleiner und enthielten kaum Kalorien. Hochkalorische Lebensmittel mied ich wie die Pest. An manchen Tage ernährte ich mich nur von einem Apfel und einem kleinen Salat. Und wenn es mal etwas mehr war, dann wusste ich genau, wie viele Minuten ich laufen musste, um die überschüssigen Kalorien wieder verbraucht zu haben … Bei einer Größe von 1,68 m wog ich damals gerade 42 Kilo und trotzdem ekelte ich mich vor meinem Spiegelbild. Ich fand ich mich viel zu fett!“

Das, was Jenny vor einigen Jahren empfand, sind ganz typische Anzeichen einer Magersucht - eine Sucht, die insbesondere junge Mädchen im Alter zwischen 14 und 16 Jahren befällt.

 

Hinter Magersucht steht mehr als das Streben nach dem Schönheitsideal

Den wissenschaftlichen Namen Anorexia nervosa gab die Fachwelt dieser Krankheit schon vor mehr als 130 Jahren. Magersucht ist also ein Phänomen, dass nicht erst im Zeitalter der Models und der Massenmedien Einzug hielt. Auch heute steckt hinter dieser Sucht weitaus mehr, als das Streben nach dem Schönheitsideal.

Es gibt viele Gründe, die vor allem sehr junge Menschen dazu veranlassen, zu hungern. Seelische Probleme, verdrängte Gefühle, soziale Vernachlässigung, Reaktionen auf unbefriedigende Lebensverhältnisse, Flucht, Hilflosigkeit oder Verweigerung. Ebenso kann die Sucht ein stummer Protest oder Ablehnung und zugleich auch Resignation und Anpassung signalisieren.Oft sind es sehr ehrgeizige, intelligente junge Menschen, die in diese Sucht „reinrutschen“. Das Gefühl, durch das Hungern sehr diszipliniert und selbstbestimmt zu sein und alles im Griff zu haben steigert das Selbstwertgefühl und stachelt noch mehr an.

In Deutschland ist heute eine von zweihundert Frauen irgendwann in ihrem Leben magersüchtig, bei Männern kommt die Krankheit nicht so häufig vor. In den letzten Jahren haben Experten mit Sorge festgestellt, dass die Sucht zu hungern immer früher anfängt. In Fachkliniken wie der Spezialstation für Essstörungen, die seit knapp einem Jahr in der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Universitätsklinikum Münster (UKM) eröffnet wurde, sind die jüngsten Patienten gerade mal elf Jahre alt.

 

Magersucht kann tödlich enden

„Magersucht kann zum Tod führen, wenn sie nicht behandelt wird“, warnt Univ.-Prof. Dr. med.Tilman Fürniss, ärztlicher Direktor der Spezialstation für Essstörungen am UKM. „Je früher eine Behandlung beginnt, desto besser sind die Chancen auf dauerhafte Heilung.“

Aber das ist oft leichter gesagt als getan, denn Betroffene erkennen meist nicht, dass sie krank sind. Und sie verstehen es zudem bestens, auch der Umwelt weis zu machen, dass alles in bester Ordnung sei.

 

Erkrankte sind Ausredekünstler

„Als mich Freunde und auch die Familie darauf ansprachen, dass ich doch sehr dünn geworden bin, fing ich an, weitere Klamotten anzuziehen“, erzählt Jenny. „Meine Pausenbrote habe ich mir immer zum Mitnehmen geschmiert und meinen Eltern versichert, dass ich morgens nichts essen kann. Da wir abends immer zusammen gegessen habe, hat mich tagsüber keiner kontrolliert. Und abends habe ich mir dann entweder das Essen mit auf´s Zimmer genommen, weil ich angeblich noch lernen musste oder ich habe nur einen Salat oder ein kleines Stückchen Fisch oder Fleisch gegessen. Oft reichte es aber auch, wenn ich meinen Eltern gesagt habe, dass ich bereits bei einer Freundin gegessen habe. Es mag paradox klingen, aber die Sucht hat mir Halt gegeben. Ich fühlte mich ganz stark und unglaublich diszipliniert. Durch den Gewichtsverlust hatte ich Erfolg und letztlich war ich nie allein – die Sucht war immer bei mir ...“

Dass sie körperlich immer schwächer wurde und sich nur noch mit Mühe konzentrieren konnte, dass sie andere Menschen angelogen und sich immer mehr zurückgezogen hat, dass der Dämon „Magersucht“ die Gewalt über sie hatte und nicht umgekehrt – all das hat Jenny lange Zeit nicht wahrhaben wollen, bis sie eines Tages zusammengeklappt ist und zum Arzt musste. Und der hat dann starkes Untergewicht diagnostiziert und den Eltern angeraten, das Mädchen sofort in eine Klinik einzuweisen. Erst jetzt fing sie an, der Realität langsam ins Auge zu blicken ...

 

Therapie ist langwierig

Irgendwann lässt sich die Magersucht nicht mehr vertuschen oder verdrängen, denn das permanente Hungern verändert die Menschen körperlich und geistig so sehr, dass auch die besten Ausreden eines Tages auffliegen. Der letzte Ausweg ist dann oft eine langwierige Therapie mit einem stationären Aufenthalt in einer Fachklinik.

Professor Fürniss und das gesamte Team der Spezialklinik für Essstörungen hatten seit der Eröffnung vor knapp einem Jahr 38 Patienten zwischen elf und 19 Jahren auf ihrer Station, zwei davon männlich. Etwa 70% der Patienten leiden an Anorexia nervosa, 10% an Bulimia nervosa (Ess- und Brechsucht) und 20% haben eine Angststörung/ Depression mit begleitender Essproblematik. „Im Durchschnitt sind die jungen Leute drei Monate auf unserer Station, einige aber auch wesentlich länger“, so der Direktor. Aber damit sind die Betroffenen noch lange nicht gesund. Sowohl vor als auch nach dem Klinikaufenthalt werden die Patienten ihrem Krankheitsstand entsprechend ambulant therapeutisch betreut. „Wenn die Magersucht über fünf Jahre andauert, spricht man von einer Chronifizierung der Krankheit“, erklärt die Psychologin Jeanette Zschimmer vom UKM-Team der Spezialklinik, „eine Heilung ist in diesem Stadium nicht mehr so leicht.“ Je länger die Sucht andauert, desto unwahrscheinlicher ist eine völlige Genesung. Auch der Körper ist geschunden und nicht immer sind die Schäden reparabel. Und viele ehemalige anorektische Patienten müssen ihr ganzes Leben lang kämpfen, um nicht wieder einen Rückfall zu erleiden. Auch Jenny denkt heute noch viel in Kalorien. „Heute bin ich gewissermaßen trocken“, sagt sie, „aber es kostet mich manches Mal echte Überwindung, etwas mit vielen Kalorien zu essen. Es gibt eben gute und es gibt schlechte Tage.“

Wer lange Zeit mit einer Magersucht gelebt und starkes Untergewicht hatte, muss erst einmal wieder zu Kräften kommen. Und das geht natürlich nicht ohne Essen. Ein wesentlicher Bestandteil der stationären Behandlung ist die Gewichtszunahme und ein „neuer“ Umgang mit der Nahrungsaufnahme und den Essgewohnheiten. Die Patienten lernen, wieviel Nahrung ein gesunder Körper braucht, was zu einer ausgewogenen Mahlzeit gehört und wie groß eine normale Portion ist.

In Einzel-, Kunst-, Bewegungs-, Familien- und Multifamilientherapien sowie mit einigen individuellen Angeboten werden die jungen Patienten auf ihrem oft langen und schwierigen Genesungsweg unterstützt. „Aber das funktioniert auch erst dann, wenn man ein bestimmtes Mindestgewicht erreicht hat“, erinnert sich Jenny, „vorher ist man körperlich und geistig nicht in der Lage, sich auf so etwas einzulassen.“

 

Familien müssen in die Therapie einbezogen werden

Für Mechthild Hohenhövel, Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie am UKM, ist das Einbeziehen der betroffenen Familien ein ganz wichtiger Faktor. „Das Familienleben ist enorm belastet und Eltern müssen lernen, wie sie mit der Erkrankung umgehen können und gleichzeitig ihr Kind unterstützen“, so die Fachärztin. „Zwischen stationärer und ambulanter Therapie ist ein großer Sprung und hier setzt die Multifamilientherapie an. Sie macht die Eltern fit für den Umgang mit ihrem kranken Kind und bringt sie raus aus der Ohnmacht hin zur Handlungsfähigkeit.“ Der Kampf mit der Sucht geht auch nach dem stationären Aufenthalt weiter und die Kinder und Jugendlichen werden weiterhin viele Ausreden parat haben, warum sie nicht essen wollen. Die Eltern müssen begreifen, dass ihre Kinder krank sind und in Bezug auf das Essen keinerlei Autonomie haben dürfen! „Es fällt den Eltern oft nicht leicht einzusehen, dass ihr fast erwachsenes Kind auf einmal wieder soviel Kontrolle und Aufmerksamkeit braucht wie ein Kleinkind“, stellt Mechthild Hohenhövel immer wieder fest. „Doch die Arbeit mit anderen Familien und somit Gleichgesinnten ist oft überaus effektiv und hilfreich, denn es ist ein Erfahrungsaustausch auf Augenhöhe. Die Familien bestärken sich gegenseitig und letztendlich hilft auch nur das, was sie selber für sich erarbeiten.“

 

Es gibt sie: Wege aus der Magersucht

Jenny hat insgesamt drei Klinikaufenthalte hinter sich, den letzten vor anderthalb Jahren. Heute ist sie zwar immer noch sehr schlank, aber nicht mehr untergewichtig. „Es war ein ständiges Auf und Ab“, erinnert sich die junge Frau, die mittlerweile ihr Abitur nachgemacht hat und jetzt seit einem guten Jahr wieder (fast) normal isst, „Ich habe zwar irgendwann begriffen, dass ich krank bin und die Magersucht mich beherrscht und nicht umgekehrt, aber es war ein sehr harter und sehr steiniger Weg, sie loszulassen und ich wünsche mir so sehr, dass ich sie irgendwann ganz vergessen kann ….“

*Namen von der Redaktion geändert

>> Informationen über die Spezialklinik für Essstörungen


Text: Kerstin Klimenta
Foto: Benjamin Thorn / pixelio.de

 


Buchtipp

Michael Schulte-Markwort / Sabine Zahn
Magersucht - Effektive Hilfe für Betroffene und Angehörige

Anorexie ist eine gefährliche Krankheit. Immer mehr Mädchen und junge Frauen zwischen 15 und 35 Jahren sind heute magersüchtig. Etwa 15 Prozent von ihnen sterben. Die Experten Michael Schulte-Markwort und Sabine Zahn geben komprimiert Antworten auf Fragen wie: Welches Essverhalten ist normal? Welches krank? Wie äußert sich Magersucht und was sind die Ursachen? Die Autoren beschreiben anschaulich, wie Magersüchtige denken und fühlen, und zeigen, wie Betroffene aus dem Teufelskreis der Hungersucht herausfinden. Patmos, 14,90 Euro.

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Info
Wann wird es richtig kritisch?

Bin ich zu dick, zu dünn oder doch gerade richtig? Diese Frage kann nicht allein mit dem Maßband oder der Waage beantwortet werden. Ob das eigene Gewicht richtig ist oder nicht, hängt von verschiedenen Faktoren ab.
Zur Messung des Gewichts bei Erwachsenen wird der Body-Mass-Index (BMI) ermittelt. Er errechnet sich folgendermaßen:

Körpergewicht geteilt durch Körpergröße in Metern zum Quadrat (kg:m²)
Der errechnete Wert ergibt eine Indexzahl:

unter 17,5: ausgeprägtes Untergewicht
unter 18,5: Untergewicht
zwischen 18,5 und 25: Normalgewicht
zwischen 25 und 30: Übergewicht
zwischen 30 und 35: Adipositas Grad I
zwischen 35 und 40: Adipositas Grad II
über 40: extreme Adipositas, Grad III

Nicht jedes dünne Mädchen oder jeder dünner Junge ist magersüchtig. Sollten Eltern sich unsicher sein, empfiehlt sich eine Beratung bei niedergelassenen Ärzten.

 

 

Weitere Infos und Selbsthilfegruppen findet ihr im Internet unter

 

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