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Henry, der kleine Westie

Es war einer dieser unvergesslichen Frühlingstage, mitten im Mai...

Henry, der kleine West Highland Terrier, lag alle Viere von sich gestreckt im Gras und lauschte dem Gezwitscher der Vögel, die alle wie er froh waren über den herrlichen Sonnenschein und den bezaubernden blauen Himmel. Endlich war der kalte und frostige Winter vorbei.

Während Henry müde und erschöpft von dem langen Spaziergang im Wald vor sich hinträumte, war seine Freundin Lucky, eine außergewöhnlich schöne Dreifarbenkatze gerade dabei die Eingänge der Maulwurfhügel zu erforschen. Seit Tagen schon war die kleine Maulwurffamilie im Garten schwer beschäftigt ihr neues zuhause zu errichten. Sie hatten Hals über Kopf ihre alte Heimat verlassen müssen, da es dort von Tag zu Tag unerträglicher geworden war. Über ihren Gängen polterte es von früh bis spät. Menschen waren dorthin gekommen und hatten einen „Golfplatz“ angelegt, was auch immer das sein mochte. Jedenfalls konnte man es unter ihnen nicht länger aushalten. Also hatten sie binnen kürzester Zeit die Flucht ergriffen und waren in die nahegelegen Gärten  übergesiedelt. Innerhalb weniger Tage war es ihnen gelungen ein regelrechtes Labyrinth unter der Rasenfläche zu buddeln. Für Henry und seine Familie präsentierte sich eine Hügellandschaft mit Ein- und Ausgängen, wie sie sie noch nie zuvor gesehen hatten.

Lucky, der Schreck aller Mäuse in den umliegenden Gärten, hatte nun ein neues Jagdobjekt entdeckt. Glücklicherweise hatten Tim, Tom, Tabby und Maxi, die Maulwürfe sie aber gleich gewittert und waren überaus vorsichtig bei den überirdischen Bauarbeiten.

Henry amüsierte sich jedenfalls köstlich darüber, wie sehr Lucky verärgert von Hügel zu Hügel schlich ohne jeglichen Erfolg. Er konnte es einfach nicht nachvollziehen, wieso sie überhaupt ständig irgendwelchen Nagetieren auf der Spur war, wo es im Haus doch ständig die tollsten Leckereien gab.

Andererseits kam es ihm schon sehr gelegen, denn so ließ der kleine Tiger ihn wenigstens in Ruhe sein Nickerchen machen. Heute war es ohnehin ungewöhnlich ruhig. Brasko, der rassige Retriever hatte sich auch noch nicht in Nachbarsgarten blicken lassen und die Katzen aus der Nachbarschaft kamen schon länger nicht mehr vorbei. Sie gingen Luckys Angriffen lieber aus dem Weg, zu oft hatten sie schon Kratzer und Beulen davongetragen. Irgendwann reichte es auch ihnen.
Henry und Brasko waren Konkurrenten vom ersten Tag an. Sie konnten sich einfach nicht einigen, wer von ihnen der Boss im Revier sein sollte, deshalb bellten und knurrten sie sich täglich aufs Neue an.  Er würde jedenfalls nicht klein beigeben, das hatte er sich geschworen. Es wäre entgegen seiner Prinzipien. Sollte doch der Größere nachgeben, wenn er wollte.

Schließlich war er eingeschlafen und im Traum dachte er an die kleine Foxterrierhündin, die ihm kürzlich im Feld begegnet war. Leider hatte er sie nur das eine Mal getroffen, was ihn sehr traurig machte. Er wusste nicht einmal wo sie wohnte und ob er sie überhaupt jemals wiedersehen würde. Im Schlaf begann er zu wimmern, was Lucky aufhorchen ließ. Sie näherte sich ihm auf leisen Samtpfötchen und setzte sich neben ihn, schnurrend stupste sie ihn an. Henry öffnete vorsichtig seine Augen, um zu sehen, wer ihn da aus seinen süßen Träumen gerissen hatte. Enttäuscht stellte er fest, dass es Lucky, seine Katzenfreundin, war. Sie war ein Kumpel und Spielkamerad mit der man Unfug machen konnte. Mehr war da nicht drin!
Wäre er ein Kater oder sie eine Hündin gewesen, wer weiß, was dann aus ihnen geworden wäre. Gut sah sie ja aus, das musste man ihr lassen. Sie war eine dieser Katzen, die ständig damit beschäftigt war sich zu pflegen. Und das war nicht zu übersehen.

Henry räkelte sich und setzte sich neben Lucky auf. Nebeneinander trotteten sie in Richtung Gartenteich, in dem Fips, Flips und Flaps ihre Runden drehten. Henry war es unbegreiflich, wie man sein Leben im Wasser verbringen konnte. Er hasste es regelrecht nass zu werden.

„Mann war heute was los.“ Mücken tanzten in Scharen über dem Gartenteich, Wespen flogen in Schwärmen vorbei und diese Fliegen, die einen schon den ganzen Tag nervten. Insekten gehörten nicht gerade zu Henrys Freunden. Er mochte sie nicht sonderlich. Lediglich die hübschen roten Marienkäfer mit ihren schwarzen Pünktchen und die flauschigen Hummeln mochte er leiden.

Henrys Magen begann zu knurren. Es war sicher schon bald Essenszeit, weshalb er sich schüttelte und ins Haus lief, in der Hoffnung seinen Napf gefüllt mit Reis und Hühnchen vorzufinden – seinem Leibgericht. Auch, wenn ihn seine Haut von Zeit zu Zeit immer wieder nervte, wegen der schrecklichen Allergie, so freute er sich trotzdem immer wieder über den Gaumenschmaus, den er dann ausschließlich  bekam.  Auf den Juckreiz allerdings konnte er dankend verzichten, ebenso auf die vielen Besuche beim Tierarzt, an dessen Spritzen er sich wohl im Leben nie gewöhnen würde.

Drinnen angekommen stellte er fest, dass seine innere Uhr ihn getäuscht hatte und er noch über eine Stunde warten musste. Was sollte er bloß wieder machen? Eine Stunde konnte eine Ewigkeit sein. Sollte er wieder zu jaulen beginnen? Besser nicht. Die Nummer hatte er schon zu oft abgezogen, die wirkte nicht mehr.  Nein, da ging er lieber noch mal nach draußen. Vielleicht hatte Lucky ja Lust mit ihm zu balgen. Andernfalls würde er ein wenig am Gartenzaun entlang pinkeln. Sollte Brasko sich doch weiterhin darüber ärgern, er tat es schließlich auch mit Genuss.  Vielleicht würde er aber auch draußen sein und ihm endlich ein Friedensangebot machen und sich ihm in Zukunft unterwerfen.

Henry lief bereits das Wasser im Mund zusammen, wenn er an sein Abendessen dachte, danach noch einen kleinen Verdauungsspaziergang, eine Runde auf der Couch schlafen und dann müde und zufrieden in seinen Hundekorb kriechen und von der hübschen Foxterrierhündin träumen, an die er ständig denken musste. Konnte Liebeskummer weh tun....

 

Eine Geschichte von Simone Lenz

 

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Nutzer-Kommentare zu diesem Beitrag

21.10.2005

Super toll (von Claudia Schünzel)

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